Der bildredaktionelle Blick am Beispiel von Abisag Tüllmann

Wieso wird ein Bild zum Titelbild erklärt? Wie lässt sich eine Geschichte in Bildern erzählen? Was unterscheidet die einzelne, „besondere“ Aufnahme vom Rest des verfügbaren Bildmaterials und worin liegen qualitative Unterschiede? Diese Fragen stellen sich Bildredakteur:innen in ihrem Arbeitsalltag und sie beantworten diese ebenso regelmäßig.

Das Berufsfeld der Bildredaktion beschäftigt sich mit der Frage, was ein gutes Bild ausmacht und wie Bilder als Teil eines Narrativs, beispielsweise in einem Artikel, zum Einsatz kommen können. Bildredaktionen arbeiten klassisch in Redaktionen, bei Bild- und Nachrichtenagenturen oder im Bereich der Pressearbeit. Sie recherchieren und beauftragen Bilder und stellen sicher, dass Bilder einen Quellennachweis tragen.

Kibbuz-Kommune

Es gibt eine Vielzahl möglicher Auswahlkriterien für ein Bild. Diese können sich auf das Foto selbst beziehen: seine Komposition, konkrete Bildelemente und stilistische wie technische Besonderheiten. Sie können aber auch im Wechselspiel mit dem Titel, Text und übergeordneten Narrativ begründet sein.

  • Die Positionierung in Reihen strukturiert das Bild.
  • Es herrscht visuelle Vielfalt bei gleichzeitiger Einheitlichkeit des Gesamtbildes.
  • Die Gruppe bedeckt fast die gesamte Seitenfläche des Titelblattes, sie kann ohne weitere Zuschreibung nicht verortet werden.
  • Das „bunte Leben“ dargestellt in der zeitgenössisch, modischen Kleidung und Diversität der Menschen (u.a. Alter, Haltung zur Kamera) symbolisiert Vielfalt und wird hier ebenso adressiert, wie die Gemeinschaft durch das Genre des Gruppenbildes.
  • Das Bild ist farblich ausgewogen. Dieselben Farben strukturieren und rhythmisieren das Bild.
  • Es gibt einen Farbstich, der die Farben knalliger wirken lässt.
  • Wer sind diese Menschen?
  • Was tun sie zusammen an diesem Ort?
  • Was verbindet sie? Wie kommt es zu diesem scheinbar harmonischen Miteinander?

In Bezug auf den Titel:

  • Was bedeutet „neuer Mensch“? Was macht diesen neuen Menschen aus?
  • Was macht die auf dem Bild abgebildeten Menschen möglicherweise besonders?
  • Wie unterscheidet sich ihre Lebensweise von der anderer Bevölkerungsteile?
Über das Bild

Zwischen 1977 und 1988 reist die Fotografin Abisag Tüllmann regelmäßig nach Israel. In Reportagen nimmt sie etwa das Leben im Kibbuz, den bewaffneten und von Militärpräsenz geprägten Alltag, Religion und Wahlkampf, die Siedlungsprojekte, aber auch das Leben in der Großstadt Tel Aviv oder Minderheiten in den Fokus. 1982 berichtet Tüllmann im Libanonkrieg von der Kriegsfront. Immer gilt ihr Blick den Lebensbedingungen der Menschen vor Ort.

Ihre Fotografien entstehen zum Teil als Auftragsarbeiten, unter anderem in Zusammenarbeit mit Henryk M. Broder und Wiebke Bruhns, für den Spiegel, für den Stern, für die ZEIT und das ZEITmagazin.

Der Begriff Kibbuz stammt aus dem Hebräischen und bedeutet im weitesten Sinne Versammlung. Er bezeichnet die Lebensform einer Reihe von kollektiven ländlichen Siedlungen in Israel.

Die farbige Zeitungs-Beilage ZEITmagazin erscheint erstmals 1970 und zeigt von Anfang an Fotografien, die in der regulären, textbasierten ZEIT-Ausgabe noch keine Rolle spielten. Die Farbfotografie war kostspieliger und etablierte sich zunächst für die Titelblätter, bevor auch im Innenteil überwiegend Farbfotografien gedruckt wurden.

Die ehemalige ZEIT-Bildredakteurin Ellen Dietrich sprach retrospektiv sogar von einer „tendenziell bilderfeindlichen ZEIT-Redaktion “.

Ein Titelbild sollte die Käufer:innen am Kiosk ansprechen, dafür bedienten sich Magazine der Farbfotografie. Für das Format musste die Aufnahme allerdings erheblich beschnitten werden.

Ein gutes Foto für DIE ZEIT beschreibt die Ressortleiterin Amélie Schneider:

„Ein ZEIT-Foto kann vieles sein, wichtig ist, was es nicht sein sollte: Respekt und Augenhöhe auch in unserer Bildberichterstattung sind grundlegend. Wir machen uns nicht über Menschen lustig. Wir arbeiten nicht mit Alarmismus. Bilder sollen einen Denkraum öffnen .“

Zitiert nach Photonews Ausgabe Nr. 6/ 2026, Interview von Anna Gripp mit Amélie Schneider, S. 14.

ZEITmagazin, Nr. 42, 12. Oktober 1984 (Cover).

Scheinbar gleich, aber nicht identisch

Zum Cover-Foto gibt es einen entsprechenden Original-Abzug im bpk-Fotoarchiv. Allerdings zeigt der direkte Vergleich, dass das Bild nicht exakt denselben Moment zeigt. Die Schwarz-weiß-Aufnahme wurde vermutlich einige wenige Sekunden früher oder später mit einer anderen Kamera aufgenommen.

Gruppenbild im Kibbuz Magen in der Negev-Wüste, August 1984, Silbergelatine auf Barytpapier | Fotografin: Abisag Tüllmann, bpk-Fotoarchiv.

Eine Überlagerung der beiden Bilder zeigt die weitestgehende Übereinstimmung auf.

Aus diesem Vergleich ergeben sich weitere Fragen:

  • Welchen Unterschied macht der gewählte Bildausschnitt?
  • Welchen die Farbigkeit/Farbgebung?

Fronleichnamsprozession

Fronleichnam wird in der katholischen Kirche jährlich genau 60 Tag nach Ostern gefeiert. Fronleichnamsprozessionen ehren das Allerheiligste, sind ein Ausdruck der öffentlichen Bekenntnisses zum Christentum und versinnbildlichen zugleich die pilgernde Kirche als äquivalent zum Weg Jesus Christus. Abisag Tüllmann fotografiert diesen Vorgang an ihrem Wohnort Frankfurt am Main. Ohne Veröffentlichungskontext lassen sich bereits spezifische Aspekte der Bildwirkung betrachten.

  • Ein formalästhetisch ansprechendes oder neugierig machendes Bild.
  • Die große dunkle Fläche im unteren linken Bildbereich erzeugt Schwere, eine Bewegung nach unten und aus dem Bild heraus.
  • Es gibt einen Kontrast zwischen der hellen, fast schon malerisch wirkenden historischen Häuserfassade im Hintergrund und der dunklen, konzentrierten Gruppe von Nonnen.
  • Die homogene Gruppe erzeugt visuelle Einheit und „Gewicht“.
  • Es ist eine durch die Fotografin beobachtete Situation, der Eindruck wird verstärkt durch die Tatsache, dass keine der Nonnen in die Kamera schaut.
  • Wo steht die Fotografin? Und warum beachtet sie niemand?
  • Die Lokalisierung der bekannten Brücke Eiserner Steg ist möglich.
  • Die einheitliche Gruppe zeigt bei genauer Betrachtung, dass junge wie ältere Nonnen teilnehmen und auch Menschen im hinteren Teil mitlaufen, die keine Nonnen sind.
  • Eine mögliche Lesarte ist es, die Kirche als präsente Gruppe zu verstehen.
  • Bewegungen in Bilder, welche der Leserichtung folgen, werden als fortschreitend, aussichtsgebend oder sogar zukunftsorientiert gedeutet. Die Nonnen laufen hingegen in die entgegengesetzte Richtung in dieser Bildkomposition, was sie als rückwärtsgewandt erscheinen lässt.
  • War die Ansicht der Nonnengruppe damals schon auffallend oder würden wir aus unserem Lebenskontext heraus dieses Bild als ungewöhnlich bezeichnen?
  • Medienberichte aus den 1960er Jahren zeigen, dass Fronleichnamsprozessionen in der lokalen Kultur und Gesellschaft verankert waren und die feierlichen Umzüge ein Teil des öffentliche Lebens waren.

Fronleichnamsprozession auf dem Eisernen Steg, Frankfurt am Main, 1964 | Fotografin: Abisag Tüllmann, bpk-Fotoarchiv.

Betriebsamkeit im Großraumbüro

Neckermann war für lange Zeit eines der führenden Versandhandelsunternehmen in Europa. Mit seinen günstigen Angeboten und dem Versandhauskatalog, der die Ansicht und Lieferung aller gezeigten Waren in die Haushalte möglich machte, wurde das Unternehmen zu einem Aushängeschild des deutschen Wirtschaftswunders ab den 1950er Jahren.

  • Eine klare Linienführung und die Perspektive erzeugen Dynamik und eine starke Blickführung das Bild entlang.
  • Es ist weitestgehend symmetrisch, bis auf einzelne chaotische Dokumente, durch die es aufgelockert wird. Das Bild ist jedoch nicht vollkommen symmetrisch, wie es etwa in dem Stil des „Neuen Sehen“ in den 1920er Jahren verfolgt wurde.
  • Aus heutiger Sicht sieht es vielen typischen Büro-Situationen sehr ähnlich, wodurch das Bild ein hohes Identifikationspotenzial besitzt.
  • Die Situation hat visuelle Ähnlichkeit mit Fließbandarbeit.
  • Es symbolisiert auch den Fortschrittsgedanken in den 1960er Jahren, wobei die Massenproduktion von Konsumgütern als Ausdruck von Wohlstand galt.
  • Es ist auffällig, dass die arbeitenden Menschen mehrheitlich Frauen sind.
  • Woran arbeiten die Menschen gerade?
  • Wie geht es ihnen damit? Wie lange sitzen sie schon dort?
  • Ist ihre Arbeit eintönig?
  • Wie bekam Tüllmann hier Zugang zu den Arbeitsräumen?

Großraumbüro des Versandhauses „Neckermann“, April 1963 | Fotografin: Abisag Tüllmann bpk-Fotoarchiv.