Das Kalenderwerk Sefer Evronot des Judah ben Samuel Reutlingen Mehler

Im dekorativen „Eingangstor“ zum Kalenderwerk bildet das Wort tsivva („er befahl“) wie in zahlreichen anderen illuminierten Kalenderbüchern das Zentrum der ersten Seite. Elisheva Carlebach hat bereits darauf hingewiesen, dass einige Verfasser:innen und Besitzer:innen von Kalenderwerken das Kopieren, das Studium und den Erhalt dieser Tradition als die Erfüllung einer mitsvah, eines Gebotes, auffassen, nämlich der im Judentum obligatorischen Heiligung des Neumondes.

Kalenderwerk Sefer Evronot, Seite 6r

Die Szene zeigt zwei Männer – einer sitzend, der andere stehend – , die sich in einem Studierzimmer mit je einem aufgeschlagenen Buch vor sich auf dem Tisch liegend befinden. An der rechten Wand steht ein hohes Bücherregal, in dem zahlreiche, mit Buchschließen verschlossene Kodizes über- und nebeneinander aufgereiht sind. Auf einem Regal am oberen Rand des Bildes stehen Küchenutensilien: eine Pfanne, verschiedenartige Schöpfkellen, ein Teller und zwei Kannen.

Darunter sind zwei Tücher an einer Leine, eine tiefe Schale und eine weitere Kanne abgebildet. Auch auf dem Regal unten sind Teller und Kannen aufgereiht. Auf der rechten Seite oben ist eine Tür mit zwei Metallbeschlägen in schöner Lilienform abgebildet, die zu Türscharnieren führen. Kannen und Teller zieren das untere Regal, während die linke Seite von Fenstern mit einer Bleiverglasung gesäumt ist.

Die beiden Männer scheinen sich angeregt über die vor ihnen liegenden Schriften auszutauschen und verwandeln den dargestellten Raum in eine Lern- oder Lehrstube. Es ist naheliegend, dass es sich bei dem Studiengegenstand der beiden Gelehrten um Kalenderwissenschaft handelt, die in diesem heimischen Ambiente von einem Lehrer an einen Schüler mündlich weitergegeben wird. Tatsächlich ist auf den aufgeschlagenen Seiten der erste Satz des Sefer Evronot zu lesen: „Es befahl der Heilige, gesegnet sei Er, die tequfot (die Sternenkonstellationen) und die moladot (die Geburt des Mondes) zu berechnen.“

Es ist ein bemerkenswertes Phänomen der jüdischen Buchkultur, dass sich ab der Mitte des 16. Jahrhunderts trotz des bereits etablierten Buchdrucks vor allem in Süd- und Mitteldeutschland jüdische Kalenderwerke als ein neues Genre der handschriftlichen Überlieferung in jüdischen Lehrstuben etablierten.

Kalenderwerk Sefer Evronot, Seite fol. 78r

Auf dem Bild ist Issachar mit einer Leiter und einem Stundenglas abgebildet. Issachar war in der biblischen Erzählung einer der zwölf Söhne von Jacob und Lea, die später die zwölf Stämme des Volkes Israels begründen sollten. Die Leiter symbolisiert hier jedoch nicht wie die berühmte Jakobsleiter einen Aufstieg in den Himmel. Vielmehr soll hiermit die stufenweise Erarbeitung des Wissens über die Geheimnisse der Zeit dargestellt werden – ein Wissen, das bereits in den biblischen Chroniken (I Chron 12, 32–33) den Kindern des Issachar (I Chron 12, 32–33) zugeschrieben wird.

Auf der Abbildung hält Moses die Gesetzestafeln in den Händen, während am Fuß des Berges das Volk Israel auf seine Rückkehr wartet. Das Bild illustriert eine im Text aufgegriffene talmudische Diskussion bezüglich der Anzahl der Tage, die Moses laut Überlieferung auf dem Berg Sinai verbrachte, die bei der Kalenderberechnung für die Feiertage berücksichtigt wird.

Die Illustration zeigt Eva, die Adam einen Apfel vom Baum der Erkenntnis reicht, an dem sich eine Schlange emporwindet. Der Einblick in den paradiesischen Garten Eden ist ein beliebtes Motiv innerhalb von Kalenderwerken, da in der jüdischen Tradition die Zeit als Teil des göttlichen Schöpfungsplans mitgedacht wird. Die Schöpfungsgeschichte bildet den Anfang der jüdischen Zeitrechnung und stellt dementsprechend den Fixpunkt jeder kalendarischen Berechnung dar.

Die verführerische Schlange, der Apfel vom Baum der Erkenntnis, der Genuss desselben durch Adam und die damit verbundene Vertreibung aus dem Paradies symbolisieren darüber hinaus das Ende der ursprünglichen Zeit und den Beginn der historischen Zeit im jüdischen Glauben. Interessant ist weiterhin, dass sich Darstellungen des paradiesischen Adams im Kontext von Kalenderwerken aus Legenden speisen, in denen der erste Mensch direkt nach seiner Schöpfung in die Geheimnisse der Kalenderberechnung eingeweiht wurde.

Die folgende Illustration zeigt zwei Waagschalen, die einer Veranschaulichung der Berechnung jüdischen Fest- und Feiertage den Tagen im Kalenderjahr entsprechend dienen.

Der Autor des Kalenderwerks, Judah Mehler, erklärt die zwei auf dieser Seite abgebildeten Waagschalen folgendermaßen:

„Die Erklärung dieser Waagschalen ist dir bereits zur Kenntnis gebracht worden. Wenn du die Festordnung wissen möchtest, musst du den molad von diesem Rosch ha-Schanah und [den molad] des folgenden Rosch ha-Schanah berechnen. Du musst aus ihnen den Rosch ha-Schanah auf einen Tag, welcher geeignet ist, festlegen. Danach musst du zählen, wie viele Tage zwischen diesem Rosch ha-Schanah und dem kommenden Rosch ha-Schanah nach jenem liegen. Dann schaust du auf die Waagschalen: Wenn es sich um ein Gemeinjahr handelt, werden drei Tage zwischen ihnen liegen. Wenn es ein mangelhaftes [Gemeinjahr] sein sollte, siehe unter der drei steht ח [chet, der 8. Buchstabe im hebräischen Alphabet] geschrieben, was dir ein mangelhaftes [Gemeinjahr] anzeigt. Und wenn es 4 Tage zwischen ihnen gibt, ist es ein reguläres [Gemeinjahr]. Und wenn es fünf Tage zwischen ihnen gibt, dann ist es ein überzähliges [Gemeinjahr]. Doch wenn es sich um ein Schaltjahr handelt und fünf Tage zwischen beiden liegen, ist es ein mangelhaftes [Schaltjahr]. Wenn sechs Tage dazwischen liegen, dann ist es ein reguläres [Schaltjahr]. Doch falls sieben Tage zwischen ihnen liegen, dann ist es ein überzähliges [Schaltjahr].“

Die gezeigte Hand beinhaltet in den vier Fingern 28 Quadrate, die den 28 Jahren des großen Sonnenzyklus entsprechen. In den Fingerkuppen darüber sind von rechts nach links die Zeiten der tequfot von Mitternacht, 18:00 Uhr, 6:00 Uhr bis 12:00 Uhr eingeschrieben. Darüber befinden sich von rechts nach links die Stunden 3 und 9 für tequfat Tischri (Herbstbeginn), 4 ½ und 10 ½ für tequfat Tevet (Winterbeginn), Tag-/Nachtbeginn in der 6. Stunde für tequfat Nisan (Frühjahrsanfang), 1 ½ und 7 ½ für tequfat Tammuz (Sommeranfang).

Der Daumen ist ebenfalls von rechts nach links in die vier tequfot Tammuz, Nisan, Tevet und Tischri eingeteilt. Darüber stehen längs drei Tage des Monats: in Tammuz: 10, 20, 30; in Nisan: 8, 18, 28; in Tevet: 5, 15, 25 und in Tischri: 3, 13, 23. In der Handfläche stehen in dem Dreiblatt von rechts nach links Akronyme beziehungsweise Merkwörter, die darunter vom Autor erläutert werden.

Auf dieser Seite ist eine sogenannte Volvelle zu sehen, mithilfe derer sich die Feiertage und Mondphasen in jüdischen Kalenderwerken berechnen und darstellen lassen. Eine Volvelle ist allgemein ein aus mehreren übereinandergelegten, drehbaren Papierscheiben bestehendes Werkzeug, das historisch vor allem zur Vorhersage von astronomischen und astrologischen Phänomenen sowie zur Herstellen medizinischer Bezugspunkte genutzt wurde.

Der Autor dieses Kalenderwerkes erklärt den Aufbau dieser Volvelle folgendermaßen:

„Auf der äußeren Drehscheibe [der Volvelle] findest du die zwölf Sternbilder [geschrieben]. Sie alle dienen den sieben Planeten, welche in der Drehscheibe unterhalb dieser Scheibe weiter innen nahe der Erde abgebildet sind, denn im äußeren Kreis sind die zwölf Sternbilder und im siebten Kreis sind die sieben Planeten abgebildet. Was du auf dieser Abbildung findest, sind die Sternbilder, die dem Lauf der Planeten dienen. Als Grund für ihre Natur fand ich heraus, dass alle sieben Planeten die Namen des Heiligen, gesegnet sei Er, andeuten, wie du durch den Kleinen unter den Planeten, nämlich die Erde, entdeckst. Denn es ist bekannt, dass jeder einzelne der Planeten einige Teile größer als sein Nachbar ist. Und der Kleinste von allen ist die Erde. Sie deutet auf den Namen [Gottes], dessen Zahlenwert 26 beträgt. Es gibt 22 Buchstaben im Alphabet. Und wenn sie [i.e. die Erde] der kleinste [Planet] von allen ist, so umfasst sie doch die gesamte Weisheit der restlichen Planeten, jedes einzelnen gemäß seiner Größe. Und [das Sternbild] Löwe in seiner Einfachheit entspricht dem 72-buchstabigen Namen. Und daher entspricht er der Natur der Sonne, die der größte [der Planeten] ist. Und so verhält es sich auch mit den Planeten Saturn, der oberhalb von allen steht. Er steht nahe den oberen Wassern. Obwohl es tatsächlich kein Wasser gibt, deutet er nichtsdestotrotz auf die Kälte als einer Eisquelle hin. Die Natur des Saturn ist mit Schnee [verbunden], der Kälte und Wind [bringt], denn seine Natur entspringt dem Wasser. Und Mars ist der heißeste, denn er steht der Sonne nahe, welche der größte [Planet] unter den Planeten ist. Auf diesem Wege sagten wir auch, dass Saturn oberhalb von allen steht. Und die Sonne ist der größte [Planet] von allen und sie ist brennendes Feuer. Deshalb ist der Mars ebenfalls heiß. Jupiter ist zwischen diese beiden gedrängt, denn Fische und Schütze, die heiß und kalt ist, entsprechen seiner Natur, wie wir bereits weiter oben gesagt haben. Und Venus, die unterhalb der Sonne ist, muss kalt und trocken sein, damit die Hitze der Sonne nicht alles mit ihrer Hitze verbrennt. Und der Mond ist feucht und kalt, denn er ist oben kalt, wegen der oberen Wasser. Unter ist er auch kalt durch die unteren Wasser. Da die Erde zwischen zwei Kalten – nämlich zwischen Venus und Mond – steht, muss auch sie kalt sein. Beachte und überdenke das!“

Diese Volvelle umfasst auf der äußeren Scheibe 28 Jahre des großen Sonnenzyklus mit den tequfot, beginnend bei Tischri. Außerdem sind mit roter Farbe ein Wochentag und mit brauner Farbe die möglichen Tageszeiten in jedes der äußeren Quadrate geschrieben. Die innere Scheibe umfasst die tequfot sowie das Gebet für Regen mit den möglichen Monatstagen, die im Laufe des 19-jährigen kleinen Zyklus auftreten können.

Die gezeigte Volvelle umfasst in der äußeren Scheibe die 19 Jahre des kleinen Zyklus mit den Überschüssen des einfachen Mondjahres im Verhältnis zum Sonnenjahr, beginnend mit 10, 21, 204. Die mittlere Scheibe enthält die Jahre 5.279–5.291 mit den entsprechenden Überschüssen und die innere Scheibe enthält die tequfot mit den Überschüssen.